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Historische Umwege
 
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Bemerkungen des Autors zur DPG-Aktion gegen den Karlsruher Physikkurs

1. Zur wissenschaftlichen Sorgfalt

Zur physikalischen Stichhaltigkeit der Argumente der Untersuchungskommission ist von mir und anderen Kollegen mehr als genug gesagt worden. Dabei ist eines merkwürdig: In den Antworten von Seiten der DPG wird betont, dass die Argumente der Vertreter des KPK den Gutachtern bekannt gewesen seien, aber nirgends geht einer der Gutachter auf die Literatur ein, die wir genannt haben.

Insbesondere was die Impulsströme in statischen Anordnungen betrifft: Die Darstellung der Mechanik, wie sie im KPK gehandhabt wird, haben wir genau so im American Journal of Physics und im European Journal of Physics vorgestellt. Jedes Problem, das die Autoren der DPG-Stellungnahme mit dem KPK haben, müssten sie auch mit diesen Veröffentlichungen haben. Warum äußern sie ihre Bedenken nicht, wie es guter wissenschaftlicher Brauch wäre, in diesen Zeitschriften? Entsprechendes gilt für die Entropie als Wärmemaß und für die magnetischen Monopole. Warum setzen Sie sich nicht mit der unserer Darstellung zu Grunde liegenden Literatur auseinander? Und warum werfen Sie nicht einen Blick in die Lehrerbände des KPK?

Hier eine Liste mit Literatur, zu der die Meinungen der Gutachter im Widerspruch stehen. Die Liste könnte beliebig verlängert werden.

2. Die Maßnahmen der DPG zur Beseitigung von KPK-Gedankengut

– Der Vorstand stellt eine Kommission zusammen, die die Aufgabe hat, eine „kritische fachliche Beurteilung“ des KPK zu erstellen. Die Stellungnahme trägt das Datum 12. Februar und erscheint im Web. Ich bekomme das Gutachten per Post zugeschickt mit einem Begleitschreiben vom 13. Februar.

– 1. März 2013: Die Präsidentin der DPG schreibt an alle Kultusminister, der KPK enthalte „Falschaussagen“. „Der Karlsruhe Physikkurs ist daher für den Schuleinsatz ungeeignet und wird bei weiterer Verbreitung Schaden anrichten.“ Um den Aussagen ein möglichst großes Gewicht zu verleihen, betont sie, im Auftrag der größten physikalischen Gesellschaft der Welt zu handeln, gestützt von 62 000 Mitgliedern.

– 1. März 2013: Die Präsidentin der DPG fordert die Studiendekane der Physik-Fakultäten auf, nicht Stellung zu nehmen: „Ich möchte Sie zugleich bitten, nicht eigenständig aktiv zu werden, damit die Maßnahmen der DPG auf politischer Ebene und in der Öffentlichkeitsarbeit konzertiert erfolgen können.“

– 5. April 2013: Einer der Autoren der DPG-Stellungnahme fordert die Vertreter des EPS Council auf, ihm zu melden, wenn KPK-Gedankengut in Schulen oder Universitäten anderer Europäischer Länder auftauchen sollte: „Please contact me or the DPG office if you notice that KPK based teaching is used at your schools or universities.“

– 8. April: Der Präsident der Europäischen Physikalischen Gesellschaft schickt entsprechende Schreiben an die nationalen physikalischen Gesellschaften: „However, the DPG has identified a number of very serious problems with the KPK such as misrepresentations of basic concepts, and they published a statement in February 2013 critical of the KPK and discouraging its use.“

– 12. April 2013: Die Präsidentin der DPG schreibt an die Chinesische Physikalische Gesellschaft und warnt vor dem KPK. (Der KPK existiert in chinesischer Übersetzung und wird in mehreren Schulen in Shanghai erprobt.) Sie hängt ihrem Schreiben die ppt-Datei an, in der aufgefordert wird, dass Schulen und Universitäten, die KPK-Gedanken verwenden, bei der DPG gemeldet werden. Sie nennt eine der Schulen in Shanghai, an der der KPK eingesetzt wird, und mit der wir gerade eine Schulpartnerschaft etabliert haben: „The findings point to substantial mistakes contradicting our internationally established knowledge of physics. The panel strongly recommends, that the course should not be used for teaching physics at schools. I have been informed that the course is now also in use in your country, for example at the Jinshan-School in Shanghai.…“

– Die Präsidentin der DPG versucht, Eltern von Schülerinnen und Schülern über die Schulelternbeiräte zu mobilisieren.

3. Schadensbilanz

Die Zulassung in China

Der KPK existiert seit einigen Jahren in chinesischer Übersetzung. Er wurde dort an einigen ausgesuchten Schulen unter Aufsicht der Schulbehörde erprobt. Nachdem die Erprobung erfolgreich verlaufen war, wurde von sechs chinesischen Autoren eine neue Version geschrieben, die dem chinesischen Schulsystem besser entspricht und daher zulassungsfähig sein sollte. Das Zulassungsverfahren sollte gerade beginnen, als der Brief der DPG-Präsidentin eintraf. Das Verfahren wurde zunächst eingestellt. Ein Vortrag, mit dem ich den KPK auf der Internationalen Buchmesse in Shanghai vorstellen sollte, wurde abgesagt. Für den chinesischen Verlag entstünde durch das Einstellen des Projekts ein erheblicher finanzieller Verlust; für die zahlreichen engagierten Lehrerinnen und Lehrer stellt es eine große Enttäuschung dar.

Der Aulis-Verlag

4. April 2013: Der AULIS-Verlag kündigt die Zusammenarbeit mit mir auf. (Eine verbesserte Neuauflage einiger Bände stand gerade kurz bevor.) Der Verlag versichert mir aber, dass die Kündigung nicht wirklich im Zusammenhang mit dem DPG-Vorstoß steht.

4. Reaktionen der Community

Einige der Protestschreiben an die DPG habe ich mit Einverständnis der jeweiligen Autoren zusammengestellt: Reaktionen

Die deutschen Kultusministerien
Sie reagieren unterschiedlich: man meldet sofortigen Vollzug, man ignoriert den DPG-Vorstoß oder man verbittet sich die Einmischung.

Hochschulen, Fachseminare, Schulen
Zahlreiche Protestbriefe von Hochschullehrern, Fachseminarleitern, Lehrern an Gymnasium und Gewerbeschulen und ehemaligen Physikstudenten gehen bei der DPG ein.

Der Fachverband Didaktik der Physik
Der Fachverband fühlt sich düpiert, da er als eigentlich zuständige Stelle nicht in der DPG-Untersuchungskommission vertreten war. Er teilt dem Vorstand seinen Unmut mit. Die Präsidentin der DPG meint: „… wäre es doch in den vergangenen 20 Jahren im Aufgabenbereich des FV [Fachverband] gelegen, mit dem Problem fertigzuwerden oder zumindest den Vorstand zu alarmieren.“

Austritte
Aus Protest kündigen etliche Kollegen ihre Mitgliedschaft in der DPG auf.

5. Die so genannte Anschlussfähigkeit

Die DPG betont immer wieder, der KPK sei nicht anschlussfähig: Schülerinnen und Schüler, die KPK-Physikunterricht hatten, haben Probleme im Studium, so heißt es. Für diese Behauptung gibt es keinerlei Beweis, und sie ist auch nicht plausibel. Wenn sie zuträfe, sollte sie sich im Erfolg beim Abitur äußern, und zwar in Bundesländern mit Zentralabitur. Entsprechende Daten zeigen keinerlei Hinweis auf eine Benachteiligung von KPK-Schülerinnen und -Schülern.

Was die Meinung der betroffenen Schüler betrifft, so ist uns bisher auch nichts negatives zu Ohren gekommen.

6. Der KPK im Vergleich zu anderen Schulbüchern

Bei der Gelegenheit könnte man sich fragen, ob denn die traditionellen Physikkurse anschlussfähig sind. Bereiten sie die künftigen Studentinnen und Studenten der Physik und der Ingenieurwissenschaften optimal auf ihr Studium vor? Es ist recht leicht nachzuweisen, dass das nicht der Fall ist; die Stichproben, die einem zur Verfügung stehen, sind riesig.

Und enthalten traditionelle Schulbücher keine Fehler? Doch, und zwar gravierende; besonders im Bereich der Thermodynamik, und speziell auch im Bereich des Magnetismus. klick

7. A propos Vergleiche

Die Ausmerzung der KPK-Ideen durch die DPG hat einige wenige Kollegen dazu veranlasst, einen gewissen Vergleich anzustellen und diese Gedanken öffentlich zu äußern oder der DPG oder der EPS mitzuteilen. Die Präsidentin der DPG hat darüber ihren Unmut geäußert. Sie meinte aber wohl, dass die Idee für einen solchen Vergleich nur einem gemeinen Geist entspringen kann. Liebe Frau Präsidentin: Es sind nicht nur die zwei oder drei, denen so etwas in den Sinn kommt; sehr viele denken so – sie schreiben es Ihnen nur nicht. Die einen denken dabei an dies, die anderen an das, die dritten an jenes.

8. Nicht genutzte goldene Brücken

Ich bin Mitglied der DPG; ich bin nicht ausgetreten. Die DPG wird von ihrem Vorstand vertreten, der Vorstand ist aber nicht die DPG. Im vorliegenden Fall hat er sich vergaloppiert und er hat dem Verein Schaden zugefügt. Das war nicht mein Wunsch. Ich hatte von Anfang an versucht zu vermeiden, dass es so kommt, wie es gekommen ist. Ich hatte dem Vorstand eine goldene Brücke, ja mehrere goldene Brücken gebaut – vergeblich. Nun ist der Schaden angerichtet: Meine Projekte haben Schaden genommen, ebenso wie der Ruf der DPG. Ein Haufen Scherben.

 

Der Autor des Karlsruher Physikkurses
Prof. Dr. Friedrich Herrmann
Karlsruher Institut für Technologie

 
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